Artikel 6 · Kalenderkunde
Welcher Kalender hat recht? Die Gebetszeiten-Kalender in Deutschland im Vergleich
Wer in Deutschland Gebetszeiten nachschlägt, erhält je nach Moscheeverband unterschiedliche Zeiten — meist Minuten, im Sommer aber bis zu Stunden auseinander. Kapitel 7 der Dissertation Acaroğlu unterzieht die verbreiteten Kalender erstmals einer systematischen astronomischen und fiqh-rechtlichen Prüfung: Diyanet/DITIB, Hicret (IGMG), Fazilet, Semerkand, Türkiye Takvimi und den Kalender des IZA. Das Ergebnis ist teils ernüchternd — auch für unser eigenes Haus.
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Maßstab des Vergleichs ist eine hochpräzise Referenzrechnung mit vollständigem tamkīn (→ Artikel 5) sowie die Regeln der vier sunnitischen Rechtsschulen. Daraus ergeben sich zwei Prüfsteine: Erstens — bildet der Kalender die realen Phänomene korrekt ab, also richtige Dämmerungswinkel und sorgfältige tamkīn-Korrekturen? Zweitens — verwendet er künstliche Ersatzzeiten (taqdīr) nur dort, wo das Phänomen tatsächlich ausfällt? Denn nach dem Konsens aller vier Schulen ist die Ersatzbemessung nur beim Ausfall des Zeichens zulässig, nicht neben einem real existierenden Zeichen (→ Artikel 4).
Als Testfall dient Berlin im Jahr 2023: Für jeden Tag und jede Gebetszeit wurde die Differenz zwischen Kalenderangabe und Referenzrechnung bestimmt — über 2 000 Vergleichswerte pro Kalender.
Die Kalender im Überblick
Diyanet/DITIB & Hicret (IGMG) — seit 2023 vereinheitlicht
18°/16° ohne tragfähige Begründung; künstliche Zeiten ab Mitte April, obwohl die reale Dämmerung noch existiert; tamkīn jahrzehntelang vernachlässigt, heute nur Pauschalpuffer. Der künstliche Imsāk liegt im Sommer bis zu 150 Minuten nach der echten Morgendämmerung.
Fazilet
Seit 1973 unverändert 19°/17°, vollständige tamkīn-Rechnung, künstliche Zeiten nur bei echtem Ausfall des Phänomens. Laut Dissertation der einzige Kalender in Deutschland, der die Regeln aller vier Schulen strikt einhält — typische Abweichung von der Referenz: 1–2 Minuten.
Semerkand
19°/17°, aber ohne tamkīn für Imsāk und ʿIshāʾ; friert im Sommer die Zeiten des letzten regulären Tages ein („aqrab al-layālī“) — auch wenn das Phänomen noch existiert.
Türkiye Takvimi
19°/17°, vollständiger (aber grober) tamkīn, transparente Dokumentation, deutliche Kritik an der Diyanet — friert im Sommer aber ebenfalls die Zeiten ein; die künstliche ʿIshāʾ rückt nahe an die zivile Mitternacht.
IZA (bis 2023)
Offiziell 18°/17° — tatsächlich galten die realen Winkel nur unterhalb von 45° N; darüber ganzjährig künstliche Zeiten nach aqrab al-bilād (Referenzbreite 45°). Tamkīn rund 40 Jahre lang vollständig unberücksichtigt.
40 Jahre Diyanet: eine wechselvolle Geschichte
Bis 1980 folgte die Diyanet dem osmanischen Erbe: 19°/17°, Aufteilung des Fajr in Imsāk und Ṣubḥ, ortsgenauer tamkīn. Dann kam Bewegung hinein: 1981 wurde — nach der Brüsseler Konferenz — oberhalb von 45° N die ʿIshāʾ ganzjährig durch Maghrib + 80 Minuten ersetzt, auch an Tagen mit real endender Dämmerung. 1983 wurde der Fajr-Winkel weltweit von 19° auf 18° geändert — eine Entscheidung, die erst 30 Jahre später öffentlich begründet wurde und sogar dem Beschluss des eigenen Hohen Religionsrats (16°) widersprach. Der tamkīn wurde abgeschafft und später nur als 3- bzw. 5-Minuten-Pauschale teilweise wieder eingeführt — fast alles ohne öffentliche Mitteilung.
Besonders aufschlussreich: Die Diyanet ließ 2012 selbst eine Beobachtungsstudie durchführen. Deren Ergebnis — Morgendämmerung im Mittel bei −17,8° ± 1,2° — erlaubt statistisch eine Untergrenze von −20,9° (99 % Konfidenz); der eigene 18°-Wert ist mit den Daten nur zu 13 % vereinbar. Dennoch wurde die Studie 2013 per Pressemitteilung als Beleg für 18° präsentiert — „im Sinne der Erleichterung“.
Rechtlich wiegt schwerer: Künstliche Zeiten trotz real existierender Phänomene widersprechen dem Konsens aller vier Schulen. Rechtsmaximen wie „Erschwernis zieht Erleichterung nach sich“ sind sekundäre Hilfsmittel — sie können den eindeutigen Text (Sure 4:103) nicht außer Kraft setzen. In Berlin lag die künstliche ʿIshāʾ von 1983 bis 2022 stets mindestens 25 Minuten vor dem realen Verschwinden der Abendröte, der künstliche Imsāk (März–September) stets mindestens 38 Minuten nach der realen Morgendämmerung.
Hicret: feste Minuten statt Astronomie
Der Hicret-Kalender der IGMG hat Imsāk und ʿIshāʾ nie aus Sonnenständen berechnet, sondern stets aus festen Zeitspannen: zunächst Shurūq − 135 bzw. Maghrib + 90 Minuten, über die Jahre dann 121, 110, zuletzt 80 und 70 Minuten — für alle Orte gleich, obwohl die Dämmerungsdauer mit der geographischen Breite stark zunimmt. Der 2016 zur Begründung angeführte „64-Minuten-Wert am Äquator“ ist schon dort falsch; in Berlin unterschreitet die Dauer selbst nach der hauseigenen 12,5°-These nie 83 Minuten.
Auch das 2016 veröffentlichte Beobachtungsvideo aus Zandvoort hält der Prüfung nicht stand: aufgenommen in einer der lichtverschmutztesten Regionen Europas (bis zum 184-Fachen der natürlichen Himmelshelligkeit), vorgespult bis Minute 75 statt 70 — und selbst im letzten Bild ist die Abendröte noch deutlich zu erkennen. Beraten wurde die Änderung unter anderem von Abdulaziz Bayındır, der den Fajr bei 9° ansetzt — weit außerhalb jeder beobachtungsgestützten Spanne.
Der vereinheitlichte Kalender (2023)
2021 luden Diyanet und ECFR zu einer internationalen Gebetszeiten-Konferenz nach Istanbul; seit 2023 verwenden DITIB und IGMG einen gemeinsamen Kalender (18°/16°). Die Abschlusserklärung erlaubt künstliche Zeiten nur bei außergewöhnlicher Härte — der Kalender selbst schaltet jedoch bereits Mitte April auf künstliche Zeiten um, früher als die eigenen Schwellwerte es zuließen. Dem erklärten Prinzip (Drittelung der gesetzlichen Nacht) entsprechen die künstlichen Zeiten an genau zwei Tagen im Jahr; an allen übrigen folgt der Kalender einer derart verschachtelten Interpolationsvorschrift, dass die Herausgeber sie in eigenen Veröffentlichungen selbst falsch beschreiben.
Auch das Hauptziel wurde verfehlt: Beschlossen waren zunächst 17° für die ʿIshāʾ, intern wurde dann auf 16° abgesenkt — ohne veröffentlichte Beobachtungsergebnisse. Da das IZA die 16° ablehnte, vereinigten sich am Ende nur DITIB und IGMG, deren Zeiten zuvor ohnehin kaum zehn Minuten auseinanderlagen.
Fazilet: der konstanteste — und der präziseste
Der Fazilet-Kalender rechnet seit seiner ersten Ausgabe 1973 unverändert mit 19°/17°, gestützt auf die osmanischen Astronomen Ahmed Muhtar Paşa und Ahmed Ziya Akbulut sowie moderne Beobachtungsreihen. Er unterteilt den Fajr in Imsāk (19°) und Ṣubḥ (+ 20 Minuten, nach Babanzâdes Maß von 50 Koranversen), berechnet den tamkīn vollständig — und verwendet künstliche Zeiten nur, wo das Phänomen real ausfällt: Bei durchgehender Weiße gilt der untere Meridiandurchgang (astronomische Mitternacht) als Imsāk, die reale ʿIshāʾ wird beibehalten, solange sie existiert; nur bei durchgehender Röte greift aqrab al-bilād. Im Berliner Zahlenvergleich weicht er meist nur ein bis zwei Minuten von der Referenz ab.
Unter den betrachteten Kalendern ist der Fazilet-Kalender der einzige, der sich strikt an die Regeln der vier sunnitischen Rechtsschulen hält und zugleich die Gebetszeiten mit hinreichender Präzision berechnet.
H. R. Acaroğlu, Dissertation (2025), Kap. 7.3 — übersetzt aus dem Englischen
Semerkand und Türkiye: das Problem der eingefrorenen Zeiten
Beide rechnen mit 19°/17° — Türkiye Takvimi mit vollem (wenn auch grobem) tamkīn und transparenter Dokumentation, Semerkand ohne Korrekturen für Imsāk und ʿIshāʾ. Im Sommer frieren beide die Zeiten des letzten regulären Tages für die gesamte Periode ein („aqrab al-layālī“). Das ist doppelt problematisch: Es wird nicht zwischen Weiß- und Rot-Persistenz unterschieden — also eine künstliche ʿIshāʾ verwendet, während das reale Phänomen noch existiert — und die eingefrorene ʿIshāʾ rückt nahe an die zivile Mitternacht: eine unnötige Härte ohne echte Erleichterung beim Imsāk.
Die Methode wird auf Ibn ʿĀbidīn zurückgeführt — doch in dessen Radd al-muḥtār findet sich nichts dergleichen; im Gegenteil setzt Ibn ʿĀbidīn bei durchgehender Dämmerung den Fajr an die astronomische Mitternacht. Kein einziger islamischer Astronom erwähnt „aqrab al-layālī“; Ahmed Tahir Efendi erklärt vielmehr ausdrücklich, mit dem unteren Meridiandurchgang sei die Zeit von Fajr und Ṣubḥ gegeben.
Und der IZA-Kalender? Eine ehrliche Bestandsaufnahme
Die Dissertation schont das eigene Haus nicht. Der alte IZA-Kalender beanspruchte 18°/17° — die Nachrechnung zeigt jedoch, dass die realen Winkel nur unterhalb von 45° N verwendet wurden: Darüber galten ganzjährig künstliche Zeiten nach aqrab al-bilād mit Referenzbreite 45°, und der tamkīn blieb rund 40 Jahre vollständig unberücksichtigt — der Maghrib etwa lag an 289 Tagen des Jahres zu früh.
2023 gehörte das IZA zu den treibenden Kräften der Vereinheitlichung, lehnte die 16° jedoch ab und führte eine eigene 17°-Variante der neuen taqdīr-Methode ein — deren Umsetzung die Dissertation als fehlerhafte, nicht gelungene Rekonstruktion nachweist; die Pauschalpuffer (3 bzw. 5 Minuten) sind noch knapper als die ohnehin unzureichenden der Diyanet. Das Urteil des Autors ist deutlich: ein Mangel an Sorgfalt, der zugleich zeigt, dass die Zusammenarbeit im Rahmen der Konferenz suboptimal verlief.
Genau diese Befunde sind der Grund, weshalb die Gebetszeiten-AG des IZA die Berechnung von Grund auf neu aufgesetzt hat: reale Winkel, solange das Phänomen existiert, und beim echten Ausfall der stetige Nachtdrittel-Algorithmus der Fatwa (→ Artikel 2) — implementiert und überprüfbar in dieser App. Wissenschaftlichkeit heißt auch, die eigene Geschichte ehrlich aufzuarbeiten.
Was lernen wir daraus?
Drei Lehren: Erstens sind Konstanz und Transparenz selbst ein Qualitätsmerkmal — der seit 1973 unveränderte Fazilet-Kalender schneidet am besten ab, die vielfach revidierte Diyanet-Praxis am schlechtesten. Zweitens entscheidet nicht der Name, sondern die Methode: beobachtungsgestützte Winkel (19°/17°), vollständiger tamkīn, künstliche Zeiten nur beim realen Ausfall des Phänomens. Drittens ersetzt keine Rechtsmaxime die Beobachtung: Wo die eigene Messstudie −17,8° ergibt, lässt sich ein 18°-Wert nicht mit „Erleichterung“ begründen.
Quellen
- H. R. Acaroğlu: Prayer Times Revisited (Dissertation, 2025), Kap. 7 — Analyse der Standardkalender in Deutschland (Methodik, Geschichte, Zahlenvergleich Berlin 2023)
- Pressemitteilungen der Diyanet vom 25.08.2010 und 17.07.2013 sowie die DIB-Beobachtungsstudie von 2012 (zitiert nach Kap. 7.1.1)
- Abschlusserklärungen der Internationalen Gebetszeiten-Konferenz Istanbul 2021 und der vereinheitlichte Kalender 2023 (zitiert nach Kap. 7.1.1)
- Fazilet-Begleitheft „İlmî ve dinî açıdan namaz vakitleri“; Ibn ʿĀbidīn: Radd al-muḥtār (zitiert nach Kap. 7.1.2–7.1.4)
Dieser Text ist eine sachliche Einführung, keine Fatwa. Maßgeblich ist die örtliche Gelehrsamkeit bzw. die eigene Gemeinde.
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